Redesign of the Berlin Café "Bierhimmel"
Reopening at March 12th 2010
Oranienstraße 183
10999 Berlin-Kreuzberg
Open daily 09:00 to 02:00
Article in architecture magazine AIT (6/2010)
Pressinformation in german – Download
Build your own "Bierhimmel" – Download
Article Tagesspiegel 12.3.2010
no english translation available
Endlich wieder Tränentorte
Wunder gibt es immer wieder. Heute oder morgen können sie geschehen,
wusste schon Katja Ebstein. In diesem Fall dann doch heute. In
Kreuzberg macht in der Oranienstraße 183 am heutigen Freitag der viel
geliebte Bierhimmel wieder auf. Café, Kneipe, Bar und Treffpunkt.
Obwohl noch kein Schild drüberhängt und drinnen noch gehämmert wird,
ist die gute Nachricht tags zuvor schon rum in der Nachbarschaft: An
der Eingangstür klebt ein kleiner Zettel: „Hurra!“ hat einer
draufgekritzelt.
Das schnitt ins Herz, als der Bierhimmel am Jahresende
dichtmachte. Alt- Kreuzberg war geschockt. Nicht nur der
schwullesbischen Fraktion, deren Treffpunkt das Café an die zwanzig
Jahre war, sondern auch den Studenten, Kieznachbarn, allen, deren
Wohnzimmer am Nachmittag oder Vorglühstation am Abend der unaufgeregte,
familiäre Laden ohne Laptops war . Zumal zeitgleich auch noch ein
anderer Treff für Menschen mit Tagesfreizeit, das „Café Jenseits“ am
Heinrichplatz zusperrte. Gemunkelt wurde von gestiegenen Mietpreisen,
Gentrifizierung und den üblichen Kapitalisten-Schweinereien. Dabei
hatte im Falle des Bierhimmels die für ihren spröden Charme bekannte
Wirtin Claudia Ullmann einfach keine Lust mehr auf den Schuppen.
„Der Hausverwalter ist ein ganz Lieber“, sagt denn auch Christian
Raschke, der neue Wirt des Bierhimmels. Raschke ist 52, gelernter
Fahrlehrer, lebt seit 25 Jahren in Kreuzberg und gehört zu den Leuten,
die den Bierhimmel nachmittags besuchten. Wegen der Torten. Kein Laden
auf der Oranienstraße hat besseren, selbst gebackenen Kuchen. Die Pacht
hat ihm der Verwalter auf der Straße angeboten. Raschke, der Glatzkopf
mit der St.-Pauli-Kappe, ist bekannt im Kiez. Er betreibt die
Konzertkasse KoKa 36 und den T-Shirt-Laden Fantastic an der Ecke
Adalbertstraße. Mit dem Bierhimmel wachsen sich seine Geschäfte langsam
zum Imperium à la Kreuzberg aus. Raschke verdreht die Augen und begrüßt
erst mal einen Handwerker. Auch ein Kumpel, logo. Von Begriffen wie
Pate oder Imperium hält er gar nichts. Davon, dass Kreuzberg bezahlbar
bleiben muss, umso mehr. Seine Lokalmiete – rund 2000 Euro für 140
Quadratmeter – ist dieselbe wie vorher, ein dickes Stück Tränentorte,
der Renner im alten Bierhimmel, soll weiter 2,60 Euro kosten.
Nach der duftet es hinten in der Küche schon. Bettina, grau
melierter Zopf und weiße Schürze, buk die Torten im alten Bierhimmel,
jetzt backt sie sie im neuen. Das Personal ist dasselbe geblieben. Auch
die Mädels, die den neuen, wuchtigen Tresen einräumen, kellnern schon
jahrelang hier. Wegen der alten Kreuzberger Mischung. Ohne das Lokal
wussten viele in den letzten Monaten gar nicht wohin, sagen sie. „Der
Bierhimmel war eben immer der Bierhimmel“, lautet ihre sibyllinische
Ortsbeschreibung.
Wolf von Waldow, der Künstler, der die Tapeten, Lampen und Tische
des deutlich aufgehübschten Lokals gestaltet hat, musste weinen, als
der alte Bierhimmel schloss. Immerhin hat er dort seine Hochzeit
gefeiert. Und: „Kuchen ist mein Hobby.“ Komisch, auch im neuen
Bierhimmel reden immer alle von der Torte statt vom Bier. Beherzt
umgestaltet hat er seine verfrüht verloren geglaubte Heimat trotzdem:
Außer der L-Form, Raucherlounge und Mosaikfußboden sieht nichts mehr
nach dem alten, abgewohnten Lokal aus. „Kreuzberg hat sich ja auch
verändert in den letzten 20 Jahren“, sagt von Waldow.
So sieht das auch Christian Raschke, dem der eigene Laden noch zu
neu und zu schick aussieht. „Aber das ändert sich ja von selber“, sagt
er und hofft auf das alte, ausgewiesen tolerante, und auch auf neues
Publikum. Gut möglich, dass der Bierhimmel bald wieder nachmittags das
Wohnzimmer und abends die Vorglühstation der Oranienstraße ist.
Alt-Kreuzberg kann jedenfalls kurz aufatmen. Wunder geschehen. Auch
wenn es ein Neu-Kreuzberger Wunder ist.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 12.03.2010)