Waagnis
Kunstprojekt für Neubau Alter Markt 13/14, Potsdam

Auftraggeber: Wohnungsgenossenschaft „Karl Marx“ Potsdam eG, Potsdam. Architekten: vangeisten.marfels architekten


Stahl, lasergeschnitten, lackiert; Stein; 2018, Realisation 2021

1. Preis in einem Kunst-am-Bau-Wettbewerb für die Neuentwicklung von figürlichem Fassadenschmuck an einem teilrekonstruierten Gebäude am Alten Markt in Potsdam. Die Fassade orientiert sich an einem historischen Vorbild, das dort bis 1945 stand, aber nicht exakt wieder aufgebaut wird. Ziel des Wettbewerbes war es, Möglichkeiten zu erkunden, den optischen Reichtum alter Fassaden zurück zu gewinnen, ohne die historischen Formen einfach nachzubilden. Diese Fragestellung ist sehr aktuell, denn Rekonstruktionen alter Stadtkerne, wie beispielsweise gerade in Frankfurt a. M., spielen eine immer stärkere Rolle in der Stadtplanung.

Ursprünglich befand sich auf der Dachkante eine Allegorie der Abundantia (Überfluss) aus Sandstein, die ihr Füllhorn über der Stadt Potsdam ausschüttet. Links neben ihr eine Figur, die verzweifelt auf umgebende Ruinen hinweist, in einer Hand ein Tuch, mit dem sie sich die Tränen trocknet. Diese Gruppe bezog sich auf einen verheerenden Stadtbrand 1795 – das Haus selbst wurde kurz danach errichtet. Mit ihren Gaben tröstet Abundantia die Weinende, die sich deshalb auf eine rosige Zukunft freuen darf. Über dem Eingang weiter unten zeigte eine Relief dazu passend Putten, die einen Brand löschen.

Wir verstehen Überfluss heute nicht mehr als abstrakte Gottesgabe. Überfluss auf der einen Seite bedeutet Mangel auf der anderen. Er ist Ausdruck eines Ungleichgewichts. Tauscht man die historischen Figuren gegeneinander aus, dann sitzt Abundantia links und schüttet ihr Füllhorn aus, während rechts, von ihr abgewandt, die weinende Figur leer ausgeht und ungetröstet einer ungewissen Zukunft entgegen sieht.
 
Meine Grundidee war darum, die Position der beiden Figuren umzukehren. Mein Projekt zeigt also, was passiert, wenn eine zeitgenössische Abuntantia alle ihre Waren verschwendet, ohne sich um die Verteilung zu kümmern, während in dem Fries über der Tür bereits ein Feuer ausbricht.

In meinem Entwurf für den Fries verwende ich ein erhaltenes Relieffragment des ursprüngluchen Hauses. Es sitzt an seiner "historischen" Stelle, ist allerdings bereits dabei herabzustürzen und so ein neues Unglück auszulösen. Hinter ihm schlagen bereits Flammen hervor. Die Figuren links davon sind mit sich selbst beschäftigt. Sie bemerken weder das Feuer noch den herabstürzenden Stein. Der Mann im rechten Bildteil, versucht mit einem kahlen Baum das Feuer auszuschlagen, möglicherweise aber auch zu befeuern, begleitet von einem "Medienvertreter". Währenddessen stielt sich rechts eine alte Frau aus dem Bild, in der Hand einen Koffer mit Zeichen abgelaufener Zeit.

Wolf von Waldow, 2018

Begründung der Juryentscheidung im Protokoll des Preisgerichts:

"Wunderbar! Das ist es, was unsere Stadt Potsdam braucht. Eine gelungene Übersetzung der ursprünglichen Figurengruppe in eine zeitgemäße Silhouette. Die Verwandlung des Füllhorns und des Tränentuchs in das Bild der ungleichen, globalen Verteilung ist eine nicht zu übertreffende bildliche Metapher. Die Arbeit ist wirklich ein Wa(a)gnis. In mehrfacher Hinsicht. Die Technik, die so gar nichts mit der Schwere der Sandsteinskulpturen gemein hat. Die klare Aussage, die historischen Themen in die Gegenwart zu übertragen, sie zeitgemäß zu interpretieren, ohne die Bezüge zu den historischen Marken des alten Gebäudes zu verdrängen. Die Verwendung des historischen Teilreliefs im Fries fand besondere Beachtung. «Waagnis» ist eine überzeugende Zusammenführung von historischer und allen verständlicher Technik mit aktuellen politischen und gesellschaftlichen Inhalten, die sowohl die Menschen heute verstehen können als auch in seiner zeitübergreifenden Visualisierung die Menschen nachfolgender Generationen noch inspirieren wird. Das Gestaltungsmittel des Scherenschnitts erfreut durch seine Leichtigkeit, Frische und Vielfältigkeit. Die feingliedrigen Elemente lassen erwarten, dass Betrachter immer wieder Neues entdecken können. Die Darstellungen nehmen zwar Bezug auf die historischen Vorbilder, sind aber auch ohne Bewusstsein dieses Hintergrunds für die aktuelle Betrachtung verständlich und leisten so einen Beitrag für aktuelle und zukünftige gesellschaftliche Diskussion."